38 892
Kein Staat kommt ohne Be- amte aus, also auch kein Staat im Staate. Neben ih- rem Heer an Fu�soldaten be- sch�ftigt die neapolitanische Ma- fia etliche Buchhalter wie Don Ciro, der jede Woche ein statt- liches Geldb�ndel entgegen nimmt, es in die abgewetzte Ja- cke steckt und sich in seinem Wohnblock auf die Runde macht. Wer hier ein Familienmitglied be- erdigt oder an die Gerichtsbar- keit verloren hat, bekommt von ihm eine Rente ausbezahlt. Jeder kennt Don Ciro, jeder gr��t ihn, stets war der streng gescheitelte Mann ein treuer Diener seines Herrn. Doch seitdem sich sein Clan in zwei verfeindete Grup- pen aufgespalten hat, wei� er nicht mehr, wem er dienen soll. Also schlie�t er mit den Ab- tr�nnigen einen Pakt: Er verr�t ihnen, wo er das Geld ausgezahlt bekommt, und �berlebt als ein- ziger den �berfall auf ein Bank- h�uschen der Camorra. Zitternd vor Angst steigt Don Ciro �ber Leichen und Blutlachen hinweg ins Freie und dann eine kleine Anh�he hinauf. Zum ersten Mal l�st sich die Kamera von ihm und erlaubt einen Blick aus der Totalen: Der Tatort, eine kleine Holzlaube, liegt nur wenige Schritte von einer viel befahre- nen Stra�e entfernt, im Hinter- grund erahnt man die City von Neapel. So nah wie in dieser Szene kommen sich b�rgerliche Normalit�t und kriminelle Welt in Matteo Garrones Mafia-Film nicht mehr. Ein Kameraschwenk verbindet zwei Sph�ren, die ansonsten in der Bestseller-Verfilmung "Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra" streng geschieden sind. Selten verl�sst Garrone das unmittelbare Einzugsgebiet der organisierten Kriminalit�t und bleibt mit der Kamera ganz nah bei den Figuren. Wenn der alerte Gesch�ftsmann Franco in den Norden fliegt, um f�r sein konkurrenzlos g�nstiges Giftm�ll-Management zu werben, sieht man nur wenig mehr als das B�ro seines Gespr�chspartners; und wenn der Schneider Pasquale eines seiner zu Hungerl�hnen fabrizierten Kleider im Fernsehen an Scarlett Johansson entdeckt, erscheint der Graben zwischen den Welten nur noch ein St�ckchen tiefer.
Man sieht "Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra" mit den ersten Bildern schon an, dass sich Matteo Garrone von der gro�en Tradition des Mafia-Films befreien wollte: Feiste M�nner sonnen sich im ultravioletten Licht eines Solariums, das auch aus einem Science-Fiction-Film stammen k�nnte. Nach kurzer Zeit sind die M�nner tot, hingerichtet von ihren eigenen Kumpanen. Warum, erf�hrt man bis zum Ende nicht. Wer nach Zusammenh�ngen fragt, nach dem System der Camorra oder auch nach dem Leid und der Wut der Opfer, ist bei Garrone falsch. ran sich Regisseure wie Francesco Rosi oder Damiano Damiani noch verzweifelt abgearbeitet haben, bleibt ebenso ausgespart die mythologische �berh�hung der Mafia durch das amerikanische Genrekino. Vom MafiaKraken, den Damiani in seiner Fernsehserie "Allein gegen die Mafia" ans Licht zerren wollte, bekommt man allenfalls kleine Details zu sehen. Stattdessen l�sst Garrone den sch�bigen Alltag des Mordens, Ausbeutens und Betr�gens am Zuschauer vor�ber ziehen. Aus den angedeuteten Erz�hlungen sch�len sich weder Hauptfiguren noch eine durchg�ngige Handlungslinie heraus: Es gibt nur Getriebene und das Gesetz des St�rkeren.
Nat�rlich erf�hrt man in Garrones Film trotzdem einiges �ber das Innenleben der Camorra. Zumindest das ist der ehrgeizige list dem Autor seiner weltweit gefeierten Buchvorlage schuldig. Roberto Savianos heiligen Zorn hat Garrone dabei auf dokumentarische N�chternheit abgek�hlt. Die Skrupellosigkeit der Gesch�ftemacherei spricht ohnehin f�r sich: Am helllichten Tag wird Giftm�ll in einer illegalen Deponie versenkt, Drogen und Waffen wechseln die Besitzer, im Schutz einer H�hle werden Kindersoldaten rekrutiert. Gerade aus der Beschr�nkung auf die geschlossene Gesellschaft seines Films gewinnt Garrones Film seine gr��te St�rke. Man muss die gewaltigen, wie Gef�ngnisse konstruierten Wohnsilos gesehen haben, die verwahrlosten Strandanlagen, verwitterten Steinbr�che und verwaisten Bauruinen, die ausged�rrte Erde dieser Welt, um zu verstehen, wie Saviano seine Heimat mit dem biblischen Gomorrha vergleichen konnte. In der urbanen W�ste der Originalschaupl�tze wird der Film zum beredten Portr�t eines Landstrichs, in dem sich das Verbrechen zum alleinigen Richter �ber Leben und Tod aufgeschwungen hat. Die Camorra ist ein Gott, der straft und belohnt, Kindern die Kindheit und Erwachsenen die Hoffnung stiehlt. Er macht Freunde zu Feinden und vergie�t das Blut der Menschen, als w�ren diese nicht unschuldig geboren.
Michael Kohler
KINOSTART 11.9.2008
Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra
Gomorra
Scope. Italien 2008
Produktion Fandango
Produzent Domenico Procacci
Regie Matteo Garrone
Buch Maurizio Braucci, Ugo Chiti, Gianni di Gregorio, Matteo Garrone, Massimo Gaudioso, Roberto Saviano, nach einem Buch von Roberto Saviano
Kamera Marco Onorato
Schnitt Marco Spoletini
Darsteller Salvatore Abruzzese (Tot�), Simone Sacchettino (Simone), Salvatore Ruocco (Boxer), Vincenzo Fabricino (Pitbull), Vincenzo Altamura (Gaetano), Italo Renda (Italo), Gianfelice Imparato (Don Ciro)
L�nge 135 Min.
Verleih Prokino
Momentaufnahmen aus dem Alltag der neapolitanischen Camorra, die keine durchg�ngigen Handlungslinien aufweisen, aber in ihrer dokumentarischen N�chternheit einiges �ber Strukturen, Gesch�fte und Skrupellosigkeit dieser "ehrenwerten Gesellschaft" aussagen. Der Film fragt nicht nach Zusammenh�ngen, sondern konfrontiert mit der Sch�bigkeit des Mordens, Ausbeutens und Betr�gens und analysiert einen Staat im Staat, der nach eigenen Gesetzen regiert wird. - Sehenswert.
Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra38 892
Kein Staat kommt ohne Be- amte aus, also auch kein Staat im Staate. Neben ih- rem Heer an Fu�soldaten be- sch�ftigt die neapolitanische Ma- fia etliche Buchhalter wie Don Ciro, der jede Woche ein statt- liches Geldb�ndel entgegen nimmt, es in die abgewetzte Ja- cke steckt und sich in seinem Wohnblock auf die Runde macht. Wer hier ein Familienmitglied be- erdigt oder an die Gerichtsbar- keit verloren hat, bekommt von ihm eine Rente ausbezahlt. Jeder kennt Don Ciro, jeder gr��t ihn, stets war der streng gescheitelte Mann ein treuer Diener seines Herrn. Doch seitdem sich sein Clan in zwei verfeindete Grup- pen aufgespalten hat, wei� er nicht mehr, wem er dienen soll. Also schlie�t er mit den Ab- tr�nnigen einen Pakt: Er verr�t ihnen, wo er das Geld ausgezahlt bekommt, und �berlebt als ein- ziger den �berfall auf ein Bank- h�uschen der Camorra. Zitternd vor Angst steigt Don Ciro �ber Leichen und Blutlachen hinweg ins Freie und dann eine kleine Anh�he hinauf. Zum ersten Mal l�st sich die Kamera von ihm und erlaubt einen Blick aus der Totalen: Der Tatort, eine kleine Holzlaube, liegt nur wenige Schritte von einer viel befahre- nen Stra�e entfernt, im Hinter- grund erahnt man die City von Neapel. So nah wie in dieser Szene kommen sich b�rgerliche Normalit�t und kriminelle Welt in Matteo Garrones Mafia-Film nicht mehr. Ein Kameraschwenk verbindet zwei Sph�ren, die ansonsten in der Bestseller-Verfilmung "Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra" streng geschieden sind. Selten verl�sst Garrone das unmittelbare Einzugsgebiet der organisierten Kriminalit�t und bleibt mit der Kamera ganz nah bei den Figuren. Wenn der alerte Gesch�ftsmann Franco in den Norden fliegt, um f�r sein konkurrenzlos g�nstiges Giftm�ll-Management zu werben, sieht man nur wenig mehr als das B�ro seines Gespr�chspartners; und wenn der Schneider Pasquale eines seiner zu Hungerl�hnen fabrizierten Kleider im Fernsehen an Scarlett Johansson entdeckt, erscheint der Graben zwischen den Welten nur noch ein St�ckchen tiefer.
Man sieht "Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra" mit den ersten Bildern schon an, dass sich Matteo Garrone von der gro�en Tradition des Mafia-Films befreien wollte: Feiste M�nner sonnen sich im ultravioletten Licht eines Solariums, das auch aus einem Science-Fiction-Film stammen k�nnte. Nach kurzer Zeit sind die M�nner tot, hingerichtet von ihren eigenen Kumpanen. Warum, erf�hrt man bis zum Ende nicht. Wer nach Zusammenh�ngen fragt, nach dem System der Camorra oder auch nach dem Leid und der Wut der Opfer, ist bei Garrone falsch. ran sich Regisseure wie Francesco Rosi oder Damiano Damiani noch verzweifelt abgearbeitet haben, bleibt ebenso ausgespart die mythologische �berh�hung der Mafia durch das amerikanische Genrekino. Vom MafiaKraken, den Damiani in seiner Fernsehserie "Allein gegen die Mafia" ans Licht zerren wollte, bekommt man allenfalls kleine Details zu sehen. Stattdessen l�sst Garrone den sch�bigen Alltag des Mordens, Ausbeutens und Betr�gens am Zuschauer vor�ber ziehen. Aus den angedeuteten Erz�hlungen sch�len sich weder Hauptfiguren noch eine durchg�ngige Handlungslinie heraus: Es gibt nur Getriebene und das Gesetz des St�rkeren.
Nat�rlich erf�hrt man in Garrones Film trotzdem einiges �ber das Innenleben der Camorra. Zumindest das ist der ehrgeizige list dem Autor seiner weltweit gefeierten Buchvorlage schuldig. Roberto Savianos heiligen Zorn hat Garrone dabei auf dokumentarische N�chternheit abgek�hlt. Die Skrupellosigkeit der Gesch�ftemacherei spricht ohnehin f�r sich: Am helllichten Tag wird Giftm�ll in einer illegalen Deponie versenkt, Drogen und Waffen wechseln die Besitzer, im Schutz einer H�hle werden Kindersoldaten rekrutiert. Gerade aus der Beschr�nkung auf die geschlossene Gesellschaft seines Films gewinnt Garrones Film seine gr��te St�rke. Man muss die gewaltigen, wie Gef�ngnisse konstruierten Wohnsilos gesehen haben, die verwahrlosten Strandanlagen, verwitterten Steinbr�che und verwaisten Bauruinen, die ausged�rrte Erde dieser Welt, um zu verstehen, wie Saviano seine Heimat mit dem biblischen Gomorrha vergleichen konnte. In der urbanen W�ste der Originalschaupl�tze wird der Film zum beredten Portr�t eines Landstrichs, in dem sich das Verbrechen zum alleinigen Richter �ber Leben und Tod aufgeschwungen hat. Die Camorra ist ein Gott, der straft und belohnt, Kindern die Kindheit und Erwachsenen die Hoffnung stiehlt. Er macht Freunde zu Feinden und vergie�t das Blut der Menschen, als w�ren diese nicht unschuldig geboren.
Michael Kohler
KINOSTART 11.9.2008
Gomorrha - Reise in das Reich der Camorra
Gomorra
Scope. Italien 2008
Produktion Fandango
Produzent Domenico Procacci
Regie Matteo Garrone
Buch Maurizio Braucci, Ugo Chiti, Gianni di Gregorio, Matteo Garrone, Massimo Gaudioso, Roberto Saviano, nach einem Buch von Roberto Saviano
Kamera Marco Onorato
Schnitt Marco Spoletini
Darsteller Salvatore Abruzzese (Tot�), Simone Sacchettino (Simone), Salvatore Ruocco (Boxer), Vincenzo Fabricino (Pitbull), Vincenzo Altamura (Gaetano), Italo Renda (Italo), Gianfelice Imparato (Don Ciro)
L�nge 135 Min.
Verleih Prokino
Momentaufnahmen aus dem Alltag der neapolitanischen Camorra, die keine durchg�ngigen Handlungslinien aufweisen, aber in ihrer dokumentarischen N�chternheit einiges �ber Strukturen, Gesch�fte und Skrupellosigkeit dieser "ehrenwerten Gesellschaft" aussagen. Der Film fragt nicht nach Zusammenh�ngen, sondern konfrontiert mit der Sch�bigkeit des Mordens, Ausbeutens und Betr�gens und analysiert einen Staat im Staat, der nach eigenen Gesetzen regiert wird. - Sehenswert.

Комментариев нет:
Отправить комментарий